Über Sonya

Um mein neuntes Lebensjahr herum habe ich -gemeinsam mit meiner Schwester-  angefangen, mit der analogen Spiegelreflexkamera meiner Mama zu fotografieren. Zeitweise waren andere Dinge wichtiger. 2007 war ich mit meiner Mama bei einem großen Gottesdienst. Ich stand da inmitten von tausenden, singenden Menschen. Ich habe nicht mitgesungen, sondern mir die Menschen um mich herum angeschaut- und ich war überwältigt von diesen Emotionen in den Gesichtern. Ich habe richtig mitgefühlt.

In dem Moment habe ich mich wieder an die Fotografie erinnert. In mir ist ein richtiges Feuer aufgebrannt- ich wollte Menschen fotografieren. Überwältigende Gefühle festhalten. Konservieren. Wiedererlebbar machen. 

 

Ich habe dann mehrere Jahre in einem klassischen Porträtstudio gearbeitet. Während dieser Zeit konnte ich sehr viel lernen und dafür bin ich unfassbar dankbar. Aber das Feuer, dieses Berührt-sein, das ging verloren im Alltag. Ich war richtig unglücklich mit der Fotografie. Ich wurde still. Meinen Traum hatte ich verloren und ich wusste gar nicht mehr, wo ich hingehörte. 2012 ging ich dann nach Hamburg um neu anzufangen. Ich wollte alles- nur nicht mehr fotografieren. Tatsächlich war ich dermaßen ausgebrannt, dass ich eine lange Therapie für mein Burnout und meine Depressionen begann.

Privat- vor allem während der Therapie- habe ich immer noch fotografiert, wenn es sich ergeben hat. Aber beruflich war das für mich nicht mehr vorstellbar. Es war, wie wenn die große Liebe einen so enttäuscht, dass man mit ihr Schluss machen muss- man kann nicht mehr mit ihr leben. Aber auch nicht ohne sie: wenn sie einem wieder mal begegnet, brennt einem das Herz und man schaut ihr wehleidig hinterher.

 

Dass ich tief enttäuscht war von der Fotografie, das habe ich gar nicht klar gesehen. Das wird mir gerade beim Schreiben dieses Textes klar und mir laufen die Tränen.

 

Als meine Tochter Safiya im August 2015 geboren wurde, habe ich wochenlang dafür gebraucht, endlich mal die Kamera auszupacken. Dieses Teil war einfach nicht mehr meine Freundin und mein Baby war der letzte Mensch auf Erden, dem ich das Fotografiert- werden antun wollte. Dann habe ich die Kamera doch aus der verstaubten Tasche geholt. Ich habe an nichts gedacht, was ich über die klassische Babyfotografie gelernt hatte. Nur gefühlt, wie sehr ich dieses Baby liebe und wie sehr ich mir wünsche, dieses Gefühl niemals zu vergessen.  Für immer festzuhalten. Zu konservieren. Wiedererlebbar zu machen. UND BÄM! Das Gefühl, das Berührt-sein, das festhalten wollen von Liebe war wieder da. Genau das Gefühl, dass ich 2007 in dem Gottesdienst hatte. Das Gefühl, das mich zu dem Wunsch, Berufsfotografin zu werden, geleitet hat, war wieder da. 

 

Und ich habe ein neues Konzept entwickelt. Ich habe verstanden, wo der Unterschied liegt: man kann Babys auf Posingbälle drapieren, in besonders süße (aber unnatürliche!) Posen zwängen, in Kostüme stecken, sodass das Baby vom Kostüm in den Schatten gestellt wird. Man kann ganz niedliche Arrangements zaubern und Babys fotografieren wie Objekte in einem Stillleben. Ehrlich gesagt: diese Art, Babys zu fotografieren ist meiner Meinung nach oft einfach nur Selbstdarstellung des Fotografen. Das ist egoistisch. Da steht das "Kunstwerk", das der Fotograf erschaffen will, im Vordergrund. Man kann sich aber auch entschließen, Liebe zu fotografieren. Man kann sich entschließen zu erkennen, dass Babys und Kinder von Natur aus perfekt sind, wie sie sind. Man kann sich entschließen, nur das Baby und die Liebe der Eltern zum Kind in den Vordergrund zu rücken. Man kann Liebesbriefe mit Fotos schreiben. 

 

Das tue ich jetzt. Ich möchte zum Umdenken motivieren und das allgemeine Verständnis von Baby- und Kinderfotografie in ein natürlicheres Licht rücken. Die Babyfotografie- Equipment- Versandhändler werden es mir nicht danken. Pech gehabt. 

 

Dieses Bild entstand, als ich mein Kind das erste Mal mit meiner Kamera fotografierte.